Veilchendienstag im Kölner Karneval

Dienstag, 25.2.2020

„Der Nubbel war's!“ — Na klar, wer denn sonst.

Am Veilchendienstag beginnt die Katerstimmung, sich breit zu machen. Zwar gehen hier auch noch die letzten "Zöch" (Karnevalsumzüge) durch manche Stadtviertel und es sind noch mal ab und zu ein paar Straßen gesperrt. Aber tagsüber sieht man sonst nur wenig kostümierte Personen und es zeichnet sich ab, dass bald die Normalität nach Köln zurückkehren wird.

Aber ... noch nicht ganz.

Abends versammeln sich nämlich noch mal viele hartgesottene Kölner in Kneipen, um dem Karneval auch noch seine letzten Stunden abzuringen. Beispielsweise auf der Zülpicher Straße sind dann viele der Kneipen und Bars noch mal richtig voller Leute.

Gegen Mitternacht jedoch passiert etwas Sonderbares.

Sie scheinen alle auf unbekannte Weise miteinander verbunden, ja verabredet zu sein. Eine allgemeine Aufbruchstimmung macht sich plötzlich in allen Kneipen, Bars und Restaurants breit. Komisch. Unheimlich für einen Außenstehenden. Und nach und nach machen sich Kneipenbesucher und Leute, die draußen auf den Straßen stehen, auf einen anscheinend vorbestimmten Weg.

Sie zahlen ihre Rechnungen, verabschieden sich von den Wirten, beenden Unterredungen auf der Straße, setzen sich in Gruppen in Bewegung, ziehen zu Fuß los, lassen ihre Motorräder an und krachen los, steigen zu Gruppen auf ihre Fahrräder, eilen zu ihren Autos und fahren hastig ab... auf... in eine kalte Nacht.

Und jeder scheint irgendwie das gemeinsame Ziel zu kennen; unheimlich, wie gelenkt, bewegen sie sich: Einzelne Personen fügen sich Gruppen, kleine Gruppen stoßen zusammen, es bilden sich größere Gruppen, große Menschenmassen ziehen gemeinsam über die Straßen. Schließlich pilgern Tausende, wie durch eine höhere Macht gerufen, auf einen gemeinsamen Punkt zu und finden sich schließlich auf einem Platz ein.

Hier wollen sie ein schauriges Ritual miteinander feiern.

An einigen Orten in Köln wird nämlich jedes Jahr aufs Neue die Schuldfrage eines vermeintlichen Sünders verhandelt. Es geht um die Klärung etwaiger Schuld, die ein gewisser Nubbel zu verantworten hat. Der Nubbel ist seinerseits eine Strohpuppe und ganz menschenähnlich. Die anwesende Menschenmenge entscheidet über Schuld oder Unschuld des Nubbels. Der Ausgang der Verhandlung ist dabei jedem der Beteiligten im Voraus klar.

Es wird Tod durch Feuer sein.

Nubbelverbrennung

Auf der Roonstraße, Ecke Zülpicher Straße, zum Beispiel, feiern dieses Ritual alljährlich bis zu 10.000 Besucher, Tendenz steigend. In einer unheimlichen Zeremonie werden Unmengen von Sünden und ungünstigen Zufällen der Vergangenheit dem Nubbel zugesprochen.

Zu den beschwörerischen Fragen eines Anklägers, die über eine Lautsprecheranlage vorgetragen werden, nach einem etwaig Schuldigen für so manche Unrühmlichkeit in Köln, und im Rest der Welt, stellt die Menschenmenge der Zuschauer gröhlend fest, dass der Nubbel daran schuld sei und spricht ihn so nach und nach in allen Punkten der Anklage für schuldig.

Eine Beweisaufnahme findet nicht statt, Verteidigung hat der Nubbel ebenfalls von keiner Seite zu erwarten und er wird zu den Vorwürfen nicht angehört.

Die Anklage währenddessen wird in perfektem Kölsch vorgebracht und ist durchaus amüsant und mit Bezügen zu aktuellen Ereignissen gespickt. Ein Anklagepunkt könnte etwa lauten "... Und wer ist das schuld, dass die Preise - auch für unser geliebtes Kölsch - so drastisch gestiegen sind?" Die Masse, die sich in ihrem Toben mittlerweile kaum noch zurückhalten kann, gröhlt als Antwort auf die (zumindest bei erhöhtem Alkoholpegel etwas suggestiv wirkenden) Fragen jeweils "Der Nubbel!"

Nachdem der Angeklagte von den Menschen in allen Punkten plangemäß schuldig gesprochen ist, wird er pünktlich um 0:00 Uhr öffentlich hingerichtet:

getötet, vernichtet, zerstört, verbrannt.
Und im Namen des Volkes.

Die Menschenmasse tobt, applaudiert, pfeift und gröhlt.

Und plötzlich ist Aschermittwoch.
Es ist vorbei.

Beliebtes Ritual zum Abschied vom Karneval

Und es ist richtig, dass es sich mit der Nubbelverbrennung in erster Linie um ein karnevalistisches, für Viele von uns um ein ironisches, ja amüsantes Ritual handelt, das Spaß macht und übrigens noch gar nicht besonders lange zum Kölner Karneval gehört.

Na klar, die Laune ist bei gutem Wetter sehr gut, man hat auch schon ein paar Kölsch intus; viele, viele Leute, die viel gefeiert haben in den letzten Tagen sind hier, es ist der Abschied vom Karneval für diese Session, man will nochmal aufdrehen, nochmal richtig laut sein, man will miteinander singen, tanzen und feiern - und hier darf man es, hier soll man es sogar.

Wer aber aufmerksam hinfühlt, kann ebenfalls nicht umhin, ab und an auch einen gewissen Schauer, ja wahrhaftiges Grauen dabei zu verspüren.

Nämlich falls man sich seiner selbst dabei gewahr wird.

Archaische Affekte

Nämlich falls man sich dabei gewahr wird, wie unsere Beurteilungsprozesse im Grunde, ganz eigentlich, reduziert und ungeschminkt, funktionieren können. Wie sie in uns selbst angelegt sind: Weitab von jeder Vernunft, jedem tiefverankerten Wunsch nach Unvoreingenommenheit und Gerechtigkeit, jeder gemeinsamen, in die Wiege gelegten Fertigkeit zum Wertschätzen des Ausgegrenzten und Gegenübers. Und zu was sie uns führen.

Wie eine schreckliche und erweckende Erinnerung wirkt es dann, wenn man selbst den schaurigen Gefallen in sich spürt und ihn vorbehaltlos anerkennt, mit dem man der Ungerechtigkeit, der Beliebigkeit und Ausgrenzung, der Abschaffung jeden Zweifels an der eigenen Dominanz Raum verschafft.

Und zwar in sich selbst und seinem Geist, mit dem man dieses Schauspiel begleitet, aber auch — und offensichtlich geht soetwas eben auch ganz einfach — außerhalb seiner selbst, denn:

Der Nubbel steht mittlerweile hell in Flammen und mit dem Feuer tobt ein wirklicher, zweifellos zerstörerischer Prozess.

Wenngleich dies mit begeisterter Menschenmenge im Rücken geschieht, niemandem Sorge zu bereiten scheint und durchaus ironisch gemeint ist. Falls man psychisch gesund ist, identifiziert man die Nubbelverbrennung (mit dem bewußten Teil der dabei stattfindenden biochemischen Prozesse seines Gehirns) beruhigenderweise als Schauspiel, Simulation, Event, und verknüpft seine Wahrnehmung mit Aspekten wie 'Ironie', 'Party' und 'ist ja nur Spaß'.

Vor diesem spielerischen Hintergrund der Nubbelverbrennung sind die Auswirkungen des damit hervorgerufenen menschlichen Verhaltens also wohlbegrenzt und gut platziert.

Zumeist handelt es sich für den Einzelnen nämlich nur um einen Kater, oder man hat sich mal an einer Glasscherbe die Hand kaputtgeschnitten, an der Bordsteinkante das Schienbein aufgeschlagen oder es sind eben drei scheiß Tage widerlicher Kotzerei.

Interpretation

Uns an die immerwährende Verantwortung zu erinnern, die wir für das Aufrechterhalten von Respekt, Frieden, Gerechtigkeit, Schutz und Füreinander, Freiheit und Toleranz in uns tragen, kann hingegen als sinnvolle Interpretation dieses abschließenden Karnevalsrituals angesehen werden.

Es kann uns dann daran erinnern, dass zerstörerische Kräfte und Wünsche in uns allen angelegt sind und wir sie täglich erleben, und dass es Entschiedenheit und Stellungnahme fordert, eine Gesellschaft zu vertreten und weiterzuentwickeln, die sich menschenfeindlichem Handeln — und eben auch solchem, zu dem man sich selbst in der Lage weiß — entgegen stellt.

Gut und sich selbst und seinen Artgenossen gegenüber freundlich zu handeln, ist Menschen nicht wie selbstverständlich angeboren. Letzteres erfordert von uns Wahrnehmen, das Anerkennen und Vergegenwärtigen von Vergangenheit, Zuversicht, Lernen, Kraft, Ausdauer und stetiges Korrigieren und Training. Genau das aber können — und dürfen — wir mit Lust, Freude, Leidenschaft und in Liebe und Freundschaft tun.

Letzter Akt im Kölner Karneval

Einige fühlen sich jetzt erleichtert: man hat es geschafft. Man ist durch. Endlich vorbei die anstrengende Tortur.

Enormste Anstrengungen physischer und psychischer Art hat man durchgestanden. Man hat durchgehalten - und man lebt.

Man hat in den letzten Tagen so die Karnevalslieder rauf- und runtergesungen, dass man zwischenzeitlich befürchtete, man werde sie nie wieder aus dem Kopf bekommen. Man hat mit so vielen verschiedenen Menschen gesprochen und in so viele verschiedene Gesichter geschaut, dass man befürchtet, man erkenne sich selbst im Spiegel nicht mehr. Man hat so viel Kölsch getrunken, dass man meint, man könne nie mehr ein Kölschglas anfassen. Aber man hat's überstanden. Und jetzt ist es vorbei.

Deswegen geht man nach der Nubbelverbrennung erst mal für zwei, drei Kölsch mit Freunden in die nächste Kneipe. Zum Runterkommen, und Auschillen. Easy.

Whoa.

Die Wirte freuen sich. Sie dürfen wieder normale Musik spielen, für sie war der tagelange Gleichklang am bedrohlichsten.

Tja, und damit wären wir beim Aschermittwoch. Und damit ist der Karneval nun wirklich vorbei. Nach dem Ausschlafen geht es an die karnevalistische Nachbereitung und die geht in Köln so.

Kurz: Nachmittags auf die Zülpicher Straße, gegen 23:00 Uhr dann hoch zur Roonstraße, wg. Nubbelverbrennung.

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