Veilchendienstag

Na klar: Der Nubbel war's

Am Veilchendienstag beginnt die Katerstimmung, sich breit zu machen. Zwar gehen hier auch noch die letzten "Zöch" (Karnevalsumzüge) durch manche Stadtviertel und es sind noch mal ab und zu ein paar Straßen gesperrt. Aber tagsüber sieht man sonst nur wenig kostümierte Personen und es zeichnet sich ab, dass bald das Normale wieder nach Köln zurückkehren wird.

Aber ... noch nicht ganz.

Abends versammeln sich nämlich noch mal viele hartgesottene Kölner in Kneipen, um dem Karneval auch noch seine letzten Stunden abzuringen. Beispielsweise auf der Zülpicher Straße sind dann viele der Kneipen und Bars noch mal richtig voller Leute.

Gegen Mitternacht scheinen sie aber alle irgendwie miteinander verabredet zu sein.

Schon deutlich vorher macht sich eine Aufbruchstimmung in den Kneipen und Bars breit. Komisch. Unheimlich ist es für einen Außenstehenden.

Nach und nach machen sich die Kneipenbesucher und Leute, die draußen auf den Straßen stehen, auf einen anscheinend bestimmten Weg.

Sie zahlen ihre Rechnungen, verabschieden sich von den Wirten, beenden Unterredungen auf der Straße, setzen sich in Gruppen in Bewegung, ziehen zu Fuß los, lassen ihre Motorräder an und krachen los, steigen zu Gruppen auf ihre Fahrräder, rennen zu ihren Autos und fahren hastig ab, auf, in eine kalte Nacht.

Jeder scheint irgendwie das gemeinsame Ziel zu kennen; unheimlich, wie gelenkt, bewegen sie sich: Einzelne Personen fügen sich Gruppen, kleine Gruppen stoßen zusammen, es bilden sich größere Gruppen, große Menschenmassen ziehen gemeinsam über die Straßen. Schließlich pilgern Tausende, wie durch eine höhere Macht gerufen, auf einen gemeinsamen Punkt zu und finden sich schließlich auf einem Platz ein. Hier wollen sie ein schauriges Ritual miteinander feiern.

Nun, es wird jedes Jahr aufs Neue die Schuldfrage eines vermeintlichen Sünders dort verhandelt. Es geht um die Klärung der Schuld des Nubbels. Der Nubbel seinerseits ist eine Strohpuppe, und diese ist ganz menschenähnlich. Der Ausgang der Verhandlung über ihn ist dabei allen Beteiligten im Voraus klar:

Es wird Tod durch Feuer sein.

Auf der Roonstraße, Ecke Zülpicher Straße, zum Beispiel, feiern dieses Ritual alljährlich bis zu 10.000 Besucher, Tendenz steigend. In einer unheimlichen Zeremonie werden alle Sünden der Vergangenheit dem Nubbel zugesprochen.

Zu den beschwörerischen Fragen eines Zeremonienmeisters bzw. Inquisitors nach einem etwaig Schuldigen für so manche Unrühmlichkeit in Köln, und dem Rest der Welt, stellt die gemeine Menschenmasse der Zuschauer fest, dass der Nubbel daran schuld sei und spricht ihn so nach und nach und in allen Punkten der Anklage für "schuldig". Eine Beweisaufnahme findet nicht statt, Verteidigung hat der Nubbel ebenfalls von keiner Seite, zudem wird er selbst zu den Vorwürfen nicht angehört.

Die Anklage wird währenddessen übrigens in perfektem Kölsch vorgebracht und ist durchaus amüsant und mit Bezügen zu aktuellen Ereignissen gespickt. Ein Anklagepunkt des Inquisitors könnte sinngemäß beispielsweise lauten "... Und wer ist das schuld, dass die Preise - auch für unser geliebtes Kölsch - so drastisch gestiegen sind?" Die Masse, die sich in ihrem Toben mittlerweile kaum noch zurückhalten kann, gröhlt als Antwort darauf jeweils "Der Nubbel!"

Nachdem der Angeklagte von den Menschen in allen Punkten plangemäß schuldig gesprochen ist, wird er pünktlich um 0:00 Uhr öffentlich hingerichtet:

getötet, vernichtet, zerstört, verbrannt.
Und im Namen des Volkes.

Die Menschenmasse tobt, applaudiert, pfeift und gröhlt.

Und plötzlich ist Aschermittwoch.
Alles ist dann vorbei.

Und es ist richtig, dass es sich mit der Nubbelverbrennung in erster Linie um ein karnevalistisches, für Viele von uns um ein ironisches und amüsantes Ritual handelt, das Spaß macht.

Na klar, die Laune ist bei gutem Wetter sehr gut, man hat ja auch schon ein paar Kölsch intus; viele, viele Leute, die viel gefeiert haben in den letzten Tagen sind hier, es ist der Abschied vom Karneval für diese Session, man will nochmal so richtig laut sein, man will miteinander schreien - und hier darf man es, hier soll man es sogar.

Wer aber aufmerksam hinfühlt, kann ebenfalls nicht umhin, ab und an auch Schauer, ja wahrhaftiges Grauen dabei zu verspüren.

Nämlich falls man seiner selbst dabei gewahr wird.

Nämlich falls man gewahr wird, wie unsere Beurteilungsprozesse im Grunde, ganz eigentlich, reduziert und ungeschminkt, funktionieren können. Wie sie in uns selbst angelegt sind: Weitab von jeder Vernunft, jedem tiefverankerten Wunsch nach Unvoreingenommenheit und Gerechtigkeit, jeder gemeinsamen Fertigkeit zum Wertschätzen des Ausgegrenzten und Gegenübers.

Wie eine schreckliche und erweckende Erinnerung wirkt es dann, wenn man selbst den schaurigen Gefallen in sich spürt und ihn vorbehaltlos anerkennt, mit dem man der Ungerechtigkeit, der Beliebigkeit und Ausgrenzung, der Abschaffung jeden Zweifels an der eigenen Dominanz Raum verschafft. Und zwar in sich selbst und — offensichtlich geht soetwas ebenfalls ganz einfach — außerhalb seiner selbst: Der Nubbel steht mittlerweile hell in Flammen.

Wenngleich dies auch mit tobender Menschenmasse im Rücken geschieht, niemanden persönlich etwas anzugehen scheint und durchaus ironisch gemeint ist, soll heißen: Falls man psychisch gesund ist, identifiziert man die Nubbelverbrennung mit dem bewußten Teil der dabei stattfindenden biochemischen Prozesse seines Gehirns als Schauspiel bzw. Simulation und verknüpft seine Wahrnehmung dieser Prozesse mit den Aspekten 'Ironie' und 'ist ja nur Spaß'.

Vor dem spielerischen Hintergrund der Nubbelverbrennung sind die Auswirkungen dieser Form von Menschsein also wohlbegrenzt und — auch insofern — dort gut platziert.

Zumeist handelt es sich nämlich nur um einen Kater, oder man hat sich mal an einer Glasscherbe die Hand kaputtgeschnitten, an der Bordsteinkante das Schienbein eingeschlagen oder es sind eben drei Tage Kotzerei.

Uns an die immerwährende Verantwortung zu erinnern, die wir als Menschen für das Aufrechterhalten von Recht, Freundschaft, Freiheit, Toleranz, Schutz und Füreinander in uns tragen, und Erinnerung daran wachzuhalten, dass es Entschiedenheit und Stellungnahme fordert, eine Gesellschaft mit diesen Eigenschaften und Werten zu vertreten und in diesem Sinne weiterzuentwickeln, ist aber eine der Wirkungen dieses rituellen Spiels, die es meines Erachtens zu einem sehr wertvollen und lehrreichen Teil des modernen Straßenkarnevals machen.

Gut und sich selbst gegenüber freundlich zu handeln, ist Menschen nicht wie selbstverständlich angeboren. Letzteres erfordert von uns Wahrnehmen, das Anerkennen und Vergegenwärtigen von Vergangenheit, Zuversicht, Lernen, Kraft, Ausdauer und stetiges Korrigieren und Training. Genau das aber können — und dürfen — wir mit Lust, Freude und durch Liebe und Freundschaft tun.

Einige fühlen sich jetzt erleichtert: man hat es geschafft. Man ist durch.

Enormste Anstrengungen physischer und psychischer Art hat man durchgestanden. Man hat durchgehalten - und man lebt.

Man hat in den letzten Tagen so die Karnevalslieder rauf- und runtergesungen, dass man zwischenzeitlich befürchtete, man werde sie nie wieder aus dem Kopf bekommen. Man hat mit so vielen verschiedenen Menschen gesprochen und in so viele verschiedene Gesichter geschaut, dass man befürchtet, man erkenne sich selbst im Spiegel nicht mehr. Man hat so viel Kölsch getrunken, dass man meint, man könne nie mehr ein Kölschglas anfassen. Aber man hat's überstanden. Und jetzt ist es vorbei.

Deswegen geht man nach der Nubbelverbrennung erst mal für zwei, drei Kölsch mit Freunden in die nächste Kneipe. Zum Runterkommen, und Auschillen. Ganz easy.

Whoa. Die Wirte freuen sich. Sie dürfen wieder normale Musik spielen, für sie war der tagelange Gleichklang am bedrohlichsten.

Kurz: Nachmittags auf die Zülpicher Straße, gegen 23:00 Uhr dann hoch zur Roonstraße, wg. Nubbelverbrennung.

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