Bliev wie de bess

... denn jot esu bess do allemol

Ich saß einmal mit zwei Bekannten von mir, die von Auswärts nach Köln gekommen waren, und die hier gemeinsam leben und glücklich werden wollten, in einem Lokal und wir unterhielten uns. Irgendwann wurde es ernst, und sie nahm mich als Kölner in die Verantwortung:

„Köln hat ja viele schöne Ecken zum Wohnen, die Menschen hier sind sehr liebenswert, die Stadt hat Kultur und Flair, sie ist modern, vielfältig und alle sind sehr aufgeschlossen. Aber wie, bitte, erklärst Du mir, dass die Kölner regelmäßig, einmal pro Jahr, so absolut austicken und dann eine Woche lang feiernd, singend und schunkelnd um die Häuser ziehen? Finden die das lustig? Ich find das tendenziell bescheuert, bis absolut verrückt, und ich will und werde mich daran bestimmt nie gewöhnen können.“,  und sie tippte dabei gereizt mit ihrem Keks auf der Untertasse ihres Milchkaffees herum und für mich sah es aus, als käme ihr schon der eigene Gedanke an Karneval entschieden zu nah.

Je nach Lust und Laune erlaube ich mir bei soetwas manchmal, und nur wenn ich schon ein Kölsch oder einen Averna getrunken habe, mit Albert Einstein, Hape Kerkeling oder solchen Leuten im Zitat zu antworten. „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“, entschied ich mich also für Albert Einstein.

Die beiden schauten erst erwartungsvoll, ja was denn da nun käme von mir, und als ich zur Erläuterung nach kurzem Zuwarten nur mein Kölschglas zum Anprosten erhob, schauten sie erst etwas betreten und unorientiert, griffen dann ebenfalls zu ihren Gläsern und wir versuchten beiderseits, so gut wie möglich über diese Distanz hinwegzumanövrieren, die sich plötzlich für etwas mehr als einen Moment zwischen uns auftat.

Der Rest des Abends verlief weniger unerklärlich, wir tranken noch ein, zwei Kölsch, unterhielten uns darüber, wie die Wohnungssuche gelaufen war, und darüber, wie wenig zuverlässig in der letzten Zeit doch die KVB und der FC waren, und gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Weg nach Hause.

Zu unserem unerklärlichen Thema aber, da trafen wir uns einige Monate später, mitten im Kölner Karneval, nocheinmal wieder. Das Pärchen, das mittlerweile geheiratet hatte und denen ich noch wenige Monate zuvor mit Albert Einstein den Karneval nicht erklärt hatte, schunkelte jetzt beim Feiern in einer Kneipe, die ich zufällig ausgesucht hatte, um darin Zuflucht vor der Kälte zu suchen.

Es war eine kleine Kneipe, von außen hörte man wummernde Bässe von Karnevalssongs, die gut ausgesucht waren. Ein feiner Nebel zog aus der halboffenen Eingangstür des Lokals, Licht floss durch einen Spalt im schweren Vorhang und glänzte auf dem Bürgersteig im feinen, scharfen Reif des frühen Morgens. Ich war zu Fuss auf dem Heimweg von einer Party, auf der Straße war es eiskalt, es lagen noch ein paar Kilometer vor mir und ich entschied mich, an diesem warmem und schummrigen Ort zu rasten, die Beine auszuruhen und etwas aufzuwärmen.

Beim Betreten des Lokals schlug mir die Hitze von schätzungsweise Ein- bis Einhundertfünfzig entgegen, feiernde Kölner und Imis, die entschieden waren, genau hier diesen Abend bzw. Morgen auch zuende feiern zu wollen. Alle waren bei bester Laune. Feiernd, singend und bützend hatten meine Bekannten wohl schon einige Kneipen durch; nur durch Zufall hatte ich die beiden entdeckt, unterwegs durch die Menschenmenge, um an der Theke ein Kölsch zu erbitten.

Etwas überrascht und unvorbereitet begrüßte ich sie und hievte mich unbeholfen ins Gespräch:  „Und? Wie sieht's aus? Habt ihr Euch gut eingelebt in Köln? War es schwer oder musstet Ihr Euch irgendwie besonderes umstellen, hier?“ Bei der Antwort stellte sie, die deutlich kleiner war als ihr Mann, sich nach vorne und strahlte mich an: „Nein. War ganz einfach. Kann doch jeder hier so bleiben wie er ist.“  Und dann fügte sie noch hinzu: „Jeder Jeck is ja anders...“, schaute mich dabei etwas verrucht an und wippte mit Ihrem Bein neckisch im Takt der Musik.

Ich trank noch ein, zwei Kölsch mit den beiden an der Theke. Unterhalten konnte man sich nicht viel, man scherzte sich mit einer gewissen Unschärfe gegenseitig an. Immerhin: zu kommunizieren klappte trotzdem, und wie so oft im Kölner Karneval, unwahrscheinlich gut. Und es vergingen auf diese Weise, gemeinsam mit vielen frohen Menschen gut und gerne zwei Stunden, die ich - vor einiger Zeit noch - längst schon hätte im Bett liegen wollen.

Schließlich machte ich mich auf, nach Hause zu gehen, wollte aber noch eines von ihnen wissen, was man im Karneval um diese Uhrzeit oft nicht mehr so einfach entscheiden kann: „... als was hattet ihr beiden Euch heute abend eigentlich verkleidet?“ Da legte sie akrobatisch ihren schlanken Arm um die viel höher befindlichen Schultern ihres Mannes, der sich gerade zur anderen Seite hin unterhielt und riss ihn unsanft zu uns herum, dass er etwas nachwippte. Er war offensichtlich nicht ganz froh darüber, aber auch viel zu wenig erbost, um sich jetzt über diese seltene Form übergreifender Bestimmtheit seiner Frau zu beschweren.

Und sie strahlte mich ganz stolz an, während sie versuchte, ihre Wange ganz nah an seine zu heben, indem sie auf ihren Zehenspitzen neben ihm balancierte und tippelte:

„Ich bin Sheepie. Und das ist Sheepomuk.“, und sie zeigte zuerst auf sich, danach auf ihren Mann, vor dessen Gesicht nun ein konisch zulaufendes, rot blinkendes Plastik-Horn hin- und herbaumelte, das zu einer Verkleidung und einer Spange am Kopf gehörte, die eine Bekannte an der Theke ihm aus ihrem eigenen Repertoire als stimmiges Accessoire zugedacht hatte.

Ich rührte mich nicht, und nach kurzem Zuwarten stellte sie sich wieder fest auf den Boden und beugte sich entgegenkommend zu mir vor. Dann erklärte sie es mir, unkonspirativ und mit einem solchen Selbstverständnis, dass mir für einen kleinen Moment lang alles völlig klar war: „Wir sind Schafe geworden.“

Zurück: Übersicht der Karnevals-Tipps.

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